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Pflegepraxis & Pflegewissen · 1. September 2026

Dekubitusprophylaxe: Druckgeschwüre wirksam vorbeugen

7 Min Lesezeit · Aktualisiert: 23. September 2026

Ein Dekubitus entsteht schneller, als viele erwarten: Wenige Stunden anhaltender Druck auf
dieselbe Hautstelle können genügen. Einmal entstanden, braucht die Wunde Monate. Vorbeugen ist
deshalb keine Kür, sondern der eigentliche Auftrag.

Wie ein Druckgeschwür entsteht

Drückt Gewebe längere Zeit gegen eine harte Unterlage, wird das Kapillarbett zusammengepresst
und die Haut nicht mehr durchblutet. Es fehlt Sauerstoff, Zellen sterben ab. Entscheidend sind
Druck und Zeit — hoher Druck kurz oder geringer Druck lang führen beide zum
Ziel. Hinzu kommen Scherkräfte: Wer im Bett nach unten rutscht und hochgezogen
wird, verschiebt Hautschichten gegeneinander; das schädigt tiefer, als es aussieht.

Gefährdet sind alle Stellen, an denen Knochen dicht unter der Haut liegt: Kreuzbein, Fersen,
Rollhügel an der Hüfte, Sitzbeinhöcker, Ohrmuscheln, Hinterkopf.

Die fünf wirksamen Maßnahmen

1. Bewegung fördern, nicht ersetzen

Der beste Druckschutz ist die Eigenbewegung. Wer sich selbst umlagern kann, sollte dazu
ermuntert und nicht abgenommen werden. Schon kleine Gewichtsverlagerungen entlasten.

2. Lagerungswechsel nach Plan

Wo Eigenbewegung fehlt, hilft ein regelmäßiger Positionswechsel — die früher starre
Zwei-Stunden-Regel gilt heute als überholt, entscheidend ist der individuelle Bedarf. Bewährte
Positionen sind die 30-Grad-Schräglage rechts und links, bei der das Kreuzbein frei liegt, und
die Mikrolagerung, bei der nur kleine Kissen die Auflagefläche verändern.

3. Fersen freilegen

Die Ferse ist die Problemstelle Nummer zwei und lässt sich am einfachsten schützen: Ein
Kissen längs unter den Unterschenkel legen, sodass die Ferse vollständig frei
schwebt
. Ein Ring oder Donut darunter ist ausdrücklich falsch — er schnürt ab.

4. Haut täglich ansehen

Die Kontrolle gehört zur Körperpflege. Warnsignal ist eine Rötung, die auf Fingerdruck
nicht weiß wird — dieser Fingertest ist das wichtigste Frühzeichen. Solche
Stellen müssen sofort vollständig druckentlastet werden.

5. Haut trocken und geschmeidig halten

Feuchtigkeit weicht die Haut auf. Bei
Inkontinenz sind zügiger
Wechsel und ein passendes Hautschutzprodukt entscheidend. Ebenso wichtig: eine faltenfreie
Unterlage — jede Falte ist eine Druckstelle.

Was schadet — trotz hartnäckiger Verbreitung

  • Massieren geröteter Stellen: schädigt das ohnehin minderdurchblutete Gewebe
    zusätzlich.
  • Eisen und Fönen: veraltet, belastet die Haut.
  • Ringkissen und Fell-Donuts: verlagern den Druck auf den Randbereich und
    schnüren ab.
  • Melkfett und dicke Salbenschichten: verschließen die Haut, ohne den Druck
    zu nehmen.

Hilfsmittel — und wer sie bezahlt

Weichlagerungs- und Wechseldruckmatratzen verteilen den Druck auf eine größere Fläche. Sie
sind Hilfsmittel und können bei entsprechender Indikation ärztlich verordnet werden; die
Pflegekasse beteiligt sich. Sie ersetzen die Bewegungsförderung allerdings nicht — sie
verlängern nur den Spielraum.

Mehr dazu:
Antidekubitusmatratze ·
Wechseldruckmatratze ·
Pflegebett ·
technische
Pflegehilfsmittel
.

Ist bereits eine Wunde entstanden, gehört sie in fachliche Behandlung —
Dekubitus: Stadien und Behandlung
und Wundmanagement.

Wie hoch ist das Risiko? Der Blick, der zählt

Pflegefachkräfte arbeiten mit Einschätzungsinstrumenten wie der Braden- oder der
Norton-Skala. Für pflegende Angehörige genügt eine einfachere Frage: Kann sich die
Person selbstständig und regelmäßig bewegen?
Wenn nein, besteht Risiko — und zwar ab
dem ersten Tag, nicht erst nach Wochen.

Erhöht wird das Risiko durch Mangelernährung, Austrocknung, Fieber, Diabetes, sehr dünne
oder sehr feuchte Haut und durch Medikamente, die die Wahrnehmung dämpfen. Wer Schmerz nicht
mehr spürt oder ihn nicht äußern kann, verliert das natürliche Warnsignal, das sonst zum
Positionswechsel führt.

Ein Beispiel, wie es typischerweise schiefgeht

Ein 78-jähriger Mann wird nach einem Schlaganfall zu Hause gepflegt. Die rechte Seite ist
gelähmt, er liegt bevorzugt auf dem Rücken, weil das am bequemsten ist. Nach zehn Tagen fällt
beim Waschen eine Rötung am Kreuzbein auf. Sie verschwindet auf Fingerdruck nicht — das ist
bereits die erste Stufe eines Dekubitus.

Entscheidend ist jetzt die konsequente vollständige Druckentlastung dieser
Stelle: Die Rückenlage entfällt, bis die Haut wieder unauffällig ist. Wird stattdessen nur
weicher gelagert, bleibt der Druck bestehen und die Wunde entwickelt sich weiter. Das ist der
häufigste Fehler in dieser Situation — und er kostet Monate.

Ernährung wird unterschätzt

Haut und Unterhautgewebe brauchen Eiweiß, um Druck standzuhalten und sich zu regenerieren.
Bei Mangelernährung
steigt das Dekubitusrisiko deutlich, und bestehende Wunden heilen schlechter. Wer wenig isst,
sollte deshalb nicht nur „mehr“ essen, sondern gezielt eiweißreich — und ausreichend trinken.

Praxisbeispiel: Ein Lagerungsplan, der im Familienalltag hält

Frau K., 84, Pflegegrad 4, wird nach einem Oberschenkelhalsbruch zu Hause von Tochter und Schwiegersohn gepflegt. Sie kann sich im Bett kaum selbst drehen. Der Pflegedienst kommt morgens und abends, dazwischen sind die Angehörigen allein. In der ersten Woche entsteht am Kreuzbein eine Rötung, die auf Fingerdruck nicht verschwindet.

Die Familie erstellt gemeinsam mit der Pflegefachkraft einen einfachen Plan, der an der Zimmertür hängt: Rückenlage entfällt vollständig, bis die Stelle abgeheilt ist. Vormittags liegt Frau K. in der 30-Grad-Lage auf der linken Seite, mittags sitzt sie mit Unterstützung eine Stunde im Sessel, nachmittags folgt die rechte Seite. Nachts übernimmt eine Wechseldruckmatratze, die der Hausarzt verordnet hat, einen Teil der Arbeit; zwei Positionswechsel bleiben trotzdem im Plan, weil die Matratze den Druck nur verteilt. Die Fersen liegen auf einem Kissen unter den Unterschenkeln frei. Beim Waschen morgens und abends sehen sich die Angehörigen alle Knochenstellen an und tragen den Fingertest in das Pflegetagebuch ein.

Zwei Dinge haben in diesem Fall den Unterschied gemacht. Erstens der feste Rhythmus, der nicht davon abhängt, ob gerade jemand daran denkt. Zweitens die Ernährung: Frau K. aß wenig, bekam nun zu jeder Mahlzeit eine eiweißreiche Beilage und ein Trinkziel. Nach zehn Tagen war die Rötung verschwunden; die Rückenlage kam für kurze Zeiträume zurück, und die Matratze blieb.

Anleitung für Angehörige: Wo es Unterstützung gibt

Lagerungstechniken lassen sich nicht aus einem Text lernen. Wer zu Hause pflegt, kann sich die Handgriffe zeigen lassen: in einem kostenlosen Pflegekurs der Pflegekasse, im Beratungsbesuch nach § 37 Abs. 3 SGB XI oder direkt beim Pflegedienst, der die Angehörigen im Rahmen seiner Einsätze anleitet. Ein rückenschonender Positionswechsel schützt dabei nicht nur die pflegebedürftige Person, sondern auch die Pflegenden.

Stand und Quellen

Stand: September 2026. Die Maßnahmen folgen dem Expertenstandard Dekubitusprophylaxe und der internationalen Leitlinie zu Druckgeschwüren; die Rolle der Ernährung dem Expertenstandard Ernährungsmanagement.

Quellen: DNQP: Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung (Auszug, PDF), EPUAP/NPIAP/PPPIA: International Guideline – Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries, DNQP: Expertenstandard Ernährungsmanagement in der Pflege (Auszug, PDF).

Hinweis: Dieser Ratgeber ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine pflegefachliche Anleitung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis, im Notfall an die 112. Was der Pflegedienst oder die Pflegekasse im Einzelfall leisten, klären Sie direkt dort.

Häufige Fragen

Muss wirklich alle zwei Stunden umgelagert werden?

Die starre Zwei-Stunden-Regel gilt als überholt. Maßgeblich ist der individuelle Bedarf: Wie
schnell entsteht bei dieser Person eine nicht wegdrückbare Rötung? Danach richtet sich das
Intervall — bei manchen kürzer, bei anderen länger.

Schützt eine Spezialmatratze allein?

Nein. Sie verlängert den Zeitraum bis zur Schädigung, ersetzt aber weder Positionswechsel
noch Hautkontrolle.

Wer bezahlt die Hilfsmittel?

Bei ärztlicher Verordnung übernimmt in der Regel die Krankenkasse; für zum Verbrauch
bestimmte Pflegehilfsmittel gibt es zusätzlich den monatlichen Betrag der Pflegekasse. Siehe
Pflegehilfsmittel
beantragen
.

Stand: 1. September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder pflegefachliche Anleitung. Maßnahmen sollten mit dem behandelnden Arzt oder dem Pflegedienst abgestimmt werden.

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