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Pflegepraxis & Pflegewissen · 1. September 2026

Vitalzeichen messen: Puls, Blutdruck, Atmung & Temperatur

6 Min Lesezeit · Aktualisiert: 23. September 2026

Puls, Blutdruck, Atmung, Temperatur und Bewusstsein — die Vitalzeichen zeigen, ob der
Kreislauf trägt. In der häuslichen Pflege sind sie das einfachste Frühwarnsystem, das es gibt:
Veränderungen fallen meist auf, bevor jemand über Beschwerden klagt.

Die fünf Vitalzeichen im Überblick

Vitalzeichen Übliche Werte bei Erwachsenen Worauf achten
Puls etwa 60–80 Schläge pro Minute in Ruhe Regelmäßigkeit und Kraft, nicht nur die Zahl
Blutdruck etwa 120/80 mmHg starke Abweichungen nach oben wie unten
Atmung etwa 12–18 Atemzüge pro Minute Atemgeräusche, Atemnot, Einsatz der Hilfsmuskulatur
Körpertemperatur etwa 36,3–37,4 °C Fieber, aber auch Untertemperatur
Bewusstsein wach, orientiert, ansprechbar neue Verwirrtheit ist ein Alarmzeichen

Die Zahlen sind Orientierungswerte. Entscheidend ist der Verlauf beim einzelnen
Menschen
: Ein Blutdruck von 105/65 kann für die eine normal und für die andere bereits
zu niedrig sein. Deshalb lohnt es sich, in ruhigen Zeiten einen persönlichen Normalbereich zu
notieren — er ist später der Maßstab.

Richtig messen — die häufigsten Fehler

Blutdruck

Fünf Minuten sitzen bleiben, bevor gemessen wird. Der Arm liegt entspannt auf Herzhöhe, die
Manschette hat die richtige Größe und sitzt auf der nackten Haut. Nicht sprechen während der
Messung. Ein einzelner hoher Wert bedeutet wenig — es zählt die Wiederholung zu ähnlichen
Tageszeiten.

Puls

Am Handgelenk mit zwei Fingern tasten, nie mit dem Daumen (der hat einen eigenen Puls).
Eine volle Minute zählen, wenn der Rhythmus unregelmäßig wirkt — sonst genügen 30 Sekunden mal
zwei.

Atmung

Am besten unbemerkt zählen, etwa während man scheinbar noch den Puls tastet. Wer weiß, dass
seine Atmung beobachtet wird, atmet anders.

Temperatur

Die Messmethode gehört zum Wert dazu: Ohr, Stirn, Achsel und After liefern unterschiedliche
Ergebnisse. Wichtig ist, immer dieselbe Methode zu verwenden, damit die Werte
vergleichbar bleiben.

Wann ärztliche Hilfe nötig ist

Rufen Sie ärztliche Hilfe, wenn Werte deutlich und anhaltend vom persönlichen Normalbereich
abweichen — besonders bei plötzlicher Atemnot, Brustschmerz, sehr hohem oder sehr niedrigem
Blutdruck, anhaltendem Fieber oder wenn ein bislang klarer Mensch plötzlich verwirrt ist. Neue
Verwirrtheit ist bei älteren Menschen häufig das erste Zeichen einer Infektion, oft eines
Harnwegsinfekts, und wird zu leicht der Demenz zugeschrieben.

⚠️ Bei Bewusstlosigkeit, Atemstillstand, Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt gilt
sofort die 112.

Dokumentieren lohnt sich doppelt

Notierte Werte helfen dem Arzt bei der Einordnung — und sie helfen bei der
Begutachtung durch den
Medizinischen Dienst
, weil sie den tatsächlichen Aufwand belegen. Eine Vorlage dafür gibt
es unter Pflegetagebuch.

Verwandte Themen:
Pflege bei
Herzschwäche
·
Pflege nach
Schlaganfall
·
Behandlungspflege.

Wie oft sollte gemessen werden?

Bei stabilen Verhältnissen genügt eine Routine — etwa Blutdruck und Puls einmal täglich zur
gleichen Zeit, Temperatur nur bei Verdacht. Sinnvoll wird häufigeres Messen, wenn sich etwas
verändert: nach einem Krankenhausaufenthalt, bei neuen Medikamenten, bei Infekten oder wenn
jemand über Schwindel klagt.

Zu häufiges Messen hat einen Preis: Es macht Angst und erzeugt Werte, die ohne Zusammenhang
schwer zu deuten sind. Wer alle zwei Stunden misst, findet zwangsläufig Ausreißer.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Eine 85-jährige Frau mit beginnender Demenz ist seit dem Vortag ungewohnt still und schläft
viel. Fieber hat sie nicht, der Blutdruck ist etwas niedriger als sonst, der Puls schneller.
Für sich genommen ist keiner dieser Werte alarmierend. Zusammen mit der Verhaltensänderung
ergibt sich aber ein Muster, das häufig auf einen Infekt hindeutet — bei älteren Menschen oft
ohne Fieber.

Wer die persönlichen Normalwerte kennt, erkennt so etwas. Wer sie nicht kennt, sieht nur
Zahlen, die „noch im Rahmen“ sind. Das ist der eigentliche Wert der Dokumentation.

Welche Geräte sinnvoll sind

Für zu Hause genügt ein Oberarm-Blutdruckmessgerät mit passender Manschettengröße;
Handgelenkgeräte messen ungenauer, wenn die Haltung nicht exakt stimmt. Ein einfaches
digitales Fieberthermometer reicht aus. Pulsoximeter zur Messung der Sauerstoffsättigung können
bei Lungenerkrankungen sinnvoll sein — die Werte gehören dann aber in die Absprache mit dem
Arzt, nicht in die Selbstinterpretation.

Praxisbeispiel: Werte einordnen statt nur sammeln

Herr S., 79, lebt mit einer Herzschwäche und wird von seiner Frau versorgt. Nach einer Klinikeinweisung wegen Wassereinlagerungen hat die Kardiologin um tägliche Kontrollen gebeten. Das Ehepaar legt eine feste Morgenroutine an: nach dem Aufstehen wiegen, dann fünf Minuten ruhig sitzen, Blutdruck und Puls messen, alles auf einem Blatt am Kühlschrank notieren. Die Temperatur misst Frau S. nur, wenn ihr Mann müde oder verwirrt wirkt.

In der dritten Woche zeigt das Blatt ein Muster, das an einzelnen Tagen nicht aufgefallen wäre: Das Gewicht steigt innerhalb von drei Tagen um zwei Kilo, der Puls liegt morgens dauerhaft höher als in den Wochen zuvor, und die Beine sind abends geschwollen. Der Blutdruck ist unauffällig. Frau S. ruft in der Praxis an, nennt die Zahlen aus dem Protokoll, und die Ärztin passt die entwässernden Medikamente an, ohne dass ein Klinikaufenthalt nötig wird. Ohne die Aufzeichnung wäre der Anruf wahrscheinlich erst mit deutlicher Atemnot gekommen.

Der Fall zeigt, worauf es ankommt: Nicht der einzelne Wert zählt, sondern die Abweichung vom eigenen Normalbereich, und bei einer Herzschwäche gehört das Gewicht als sechster Wert dazu. Was im Einzelfall gemessen werden soll und ab welcher Abweichung die Praxis informiert werden möchte, legt die behandelnde Ärztin fest; die Angehörigen liefern die Beobachtung.

So legen Sie ein Messprotokoll an

  • Spalten: Datum, Uhrzeit, Wert, Messmethode (etwa Oberarm links), Besonderheiten (Schwindel, Unruhe, Schwellung), Medikamente eingenommen ja/nein.
  • Immer zur gleichen Tageszeit und mit demselben Gerät messen, sonst sind die Zahlen nicht vergleichbar.
  • Den persönlichen Normalbereich oben auf das Blatt schreiben, damit Abweichungen sofort ins Auge fallen.
  • Das Blatt zu jedem Arzttermin mitnehmen und bei der Begutachtung vorlegen; es belegt den täglichen Hilfebedarf.

Stand und Quellen

Stand: September 2026. Die Orientierungswerte und die Messregeln folgen der Nationalen VersorgungsLeitlinie Hypertonie und ihrer Patienteninformation zur richtigen Blutdruckmessung.

Quellen: AWMF/BÄK/KBV: Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie (nvl-009), NVL Hypertonie – Patienteninformation „Blutdruck richtig messen“ (PDF).

Hinweis: Dieser Ratgeber ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine pflegefachliche Anleitung. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis, im Notfall an die 112. Was der Pflegedienst oder die Pflegekasse im Einzelfall leisten, klären Sie direkt dort.

Häufige Fragen

Welcher Blutdruck ist im Alter normal?

Feste Zielwerte für „alle Älteren“ gibt es nicht. Bei sehr alten oder gebrechlichen Menschen
wird ein etwas höherer Blutdruck oft bewusst in Kauf genommen, weil zu niedrige Werte Stürze
begünstigen. Der Zielwert gehört deshalb ins Arztgespräch.

Muss ich messen, wenn ein Pflegedienst kommt?

Nicht zwingend. Sinnvoll ist es dort, wo zwischen den Einsätzen Veränderungen auffallen —
die eigene Beobachtung ergänzt die Fachpflege und ersetzt sie nicht.

Zählt das Messen für die Begutachtung?

Regelmäßige Messungen und deren Dokumentation gehören zum Hilfebedarf und können in der
Begutachtung berücksichtigt werden — deshalb lohnt es sich, sie im Pflegetagebuch festzuhalten.

Stand: 1. September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder pflegefachliche Anleitung. Maßnahmen sollten mit dem behandelnden Arzt oder dem Pflegedienst abgestimmt werden.

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