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Dekubitus (Druckgeschwür): Entstehung, Stadien, Behandlung & Vorbeugung
Pflegepraxis & Pflegewissen · 25. Juni 2026

Dekubitus (Druckgeschwür): Entstehung, Stadien, Behandlung & Vorbeugung

Dekubitus erkennen, einordnen und vermeiden: Entstehung, die vier EPUAP-Kategorien, Risikostellen und wirksame Prophylaxe in der häuslichen Pflege.

Andreas Rothermund
6 Min Lesezeit

Ein Dekubitus – umgangssprachlich Druckgeschwür oder Wundliegen – ist eine der gefürchtetsten Komplikationen bei pflegebedürftigen Menschen, die viel liegen oder sitzen. Stand: 2025/2026. Als Angehöriger, der seine Mutter über Jahre selbst gepflegt hat, weiß ich, wie schnell aus einer kleinen Rötung eine offene Wunde werden kann – und wie viel sich durch aufmerksame, konsequente Pflege verhindern lässt. Dieser Ratgeber erklärt, wie ein Dekubitus entsteht, wie er eingeteilt wird und welche pflegerischen Maßnahmen wirklich vorbeugen.

Wie ein Dekubitus entsteht

Ein Dekubitus entsteht, wenn anhaltender Druck – oft kombiniert mit Reibung und Scherkräften – die Durchblutung des Gewebes unterbricht. Bleibt der Druck bestehen, werden Haut und darunterliegendes Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und sterben ab. Besonders gefährdet sind Menschen, die sich nicht selbst umlagern können, etwa nach einem Schlaganfall, bei fortgeschrittener Demenz oder im letzten Lebensabschnitt. Auch Feuchtigkeit durch Schwitzen oder Inkontinenz, ein schlechter Ernährungszustand und sehr dünne Haut erhöhen das Risiko deutlich.

Entscheidend ist nicht allein die Höhe des Drucks, sondern vor allem die Dauer. Schon zwei Stunden unveränderte Lage können bei sehr gefährdeten Menschen zu einer Schädigung führen. Der Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ des Deutschen Netzwerks für Qualität in der Pflege (DNQP) macht deshalb die regelmäßige Bewegungsförderung zum Kern jeder Vorbeugung.

Die vier Kategorien nach EPUAP/NPIAP

Fachgremien wie das European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP) und das National Pressure Injury Advisory Panel (NPIAP) teilen den Dekubitus in vier Kategorien ein. Die folgende Übersicht hilft Angehörigen, das Stadium grob einzuordnen – die Behandlung gehört aber immer in fachliche Hände.

Kategorie Merkmale Hautzustand
Kategorie I Nicht wegdrückbare Rötung über einem Knochenvorsprung Haut intakt
Kategorie II Teilweiser Hautverlust, Blase oder oberflächliche Wunde Oberhaut/Lederhaut betroffen
Kategorie III Vollständiger Hautverlust, Unterhautfettgewebe sichtbar Tiefere Wunde
Kategorie IV Tiefenschädigung bis zu Muskel, Sehne oder Knochen Schwere offene Wunde

Ein einfacher, aber wichtiger Test bei Kategorie I ist der Fingertest: Drückt man kurz auf die gerötete Stelle und sie wird nicht weiß, sondern bleibt rot, ist das ein Warnsignal für eine beginnende Schädigung. Neben diesen vier Hauptkategorien beschreiben EPUAP und NPIAP zwei Sonderformen, deren Tiefe zunächst unbekannt ist: die vermutete tiefe Gewebeschädigung und der nicht klassifizierbare Dekubitus, bei dem die Wunde von abgestorbenem Gewebe bedeckt ist. Für Angehörige ist vor allem wichtig, jede neue oder unklare Hautveränderung ernst zu nehmen und nicht abzuwarten.

Früherkennung im Pflegealltag

Der wirksamste Schutz ist das genaue Hinsehen. Wer pflegt, sollte sich angewöhnen, bei jeder Körperpflege die gefährdeten Stellen bewusst zu betrachten und zu betasten. Warnzeichen sind nicht nur Rötungen, sondern auch Stellen, die sich verhärtet, wärmer oder kühler anfühlen, sowie Hautbereiche, über die sich der Mensch beklagt oder die er beim Liegen meidet. Eine kleine Notiz, an welchem Tag eine Rötung auftrat und ob sie sich verändert, hilft enorm – sowohl bei der eigenen Einschätzung als auch im Gespräch mit Pflegedienst oder Arzt. Gerade bei Menschen, die sich sprachlich nicht mehr äußern können, ist diese aufmerksame Beobachtung oft das Einzige, was eine beginnende Schädigung früh verrät.

Typische Risikostellen

Ein Dekubitus entsteht fast immer dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegen. Beim liegenden Menschen sind das vor allem das Kreuzbein, die Fersen, die Hüftknochen sowie Hinterkopf und Schulterblätter. Beim Sitzen sind die Sitzbeinhöcker und das Steißbein besonders gefährdet. Wer pflegt, sollte diese Stellen täglich gezielt anschauen – am besten bei der Grundpflege, wenn die Haut ohnehin betrachtet wird.

Vorbeugung in der häuslichen Pflege

Die Prophylaxe ruht auf mehreren Säulen, die zusammen wirken:

  • Bewegung und Lagerung: Regelmäßiges Umlagern und das Fördern jeder Eigenbewegung entlasten gefährdete Stellen. Wechselnde Positionen (Rücken, Seite, schräge Mikrolagerung) verteilen den Druck.
  • Druckverteilung: Spezielle Hilfsmittel wie eine Antidekubitusmatratze oder Sitzkissen senken den Auflagedruck. Sie ersetzen die Bewegung aber nicht, sondern ergänzen sie.
  • Hautpflege: Die Haut trocken und sauber halten, Feuchtigkeit durch Schweiß oder Inkontinenz zügig versorgen. Massagen geröteter Stellen sind ausdrücklich nicht zu empfehlen.
  • Ernährung und Flüssigkeit: Eine ausreichende Eiweiß- und Flüssigkeitszufuhr stärkt das Gewebe. Bei Mangelernährung steigt das Risiko spürbar.

Viele dieser Hilfsmittel werden bei anerkanntem Pflegegrad bezuschusst. Eine Übersicht bieten unsere Ratgeber zu technischen Pflegehilfsmitteln und zu Pflegehilfsmitteln zum Verbrauch wie Hautschutzprodukten.

Praxisbeispiel

Bei meiner Mutter, die nach einem Sturz wochenlang bettlägerig war, zeigte sich am Kreuzbein eine hartnäckige Rötung. Wir haben daraufhin konsequent alle zwei bis drei Stunden umgelagert, eine druckverteilende Matratze organisiert und auf trockene Haut geachtet. Innerhalb weniger Tage verschwand die Rötung wieder – ohne dass eine offene Wunde entstand. Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Es sind die kleinen, regelmäßigen Handgriffe, die den Unterschied machen.

Wann zum Arzt?

Spätestens wenn die Haut offen ist, sich eine Blase bildet, die Stelle nässt, sich verfärbt oder warm und schmerzhaft wird, gehört der Dekubitus in ärztliche und pflegefachliche Behandlung. Auch eine Rötung, die trotz Entlastung über Tage nicht zurückgeht, sollte ärztlich abgeklärt werden. Eine Wundversorgung höherer Kategorien ist Aufgabe von Wundexperten und Ärzten – Hausmittel sind hier fehl am Platz.

Fazit

Ein Dekubitus ist in den meisten Fällen vermeidbar. Wer Risikostellen kennt, regelmäßig die Position wechselt, die Haut pflegt und auf gute Ernährung achtet, kann viel erreichen. Die Empfehlungen orientieren sich am DNQP-Expertenstandard und an den EPUAP/NPIAP-Leitlinien; Verbraucherzentrale und Bundesgesundheitsministerium (BMG) bieten zusätzliche, neutrale Informationen. Bei offenen oder unklaren Wunden gilt: lieber einmal zu früh fachlichen Rat einholen als zu spät.

Häufige Fragen

Wie schnell kann ein Dekubitus entstehen?

Bei stark gefährdeten Menschen können schon wenige Stunden unveränderte Lage ausreichen, damit Gewebe geschädigt wird. Entscheidend ist die Dauer des Drucks, weniger seine Höhe. Deshalb sind regelmäßiges Umlagern und das Fördern jeder Eigenbewegung so wichtig.

Was bedeutet der Fingertest bei einer Rötung?

Beim Fingertest drückt man kurz auf die gerötete Stelle. Wird sie kurz weiß und rötet sich dann wieder, ist die Durchblutung intakt. Bleibt sie rot (nicht wegdrückbar), ist das ein Warnzeichen für einen beginnenden Dekubitus der Kategorie I und ein Anlass zur konsequenten Entlastung.

Darf man gerötete Hautstellen massieren?

Nein. Das Massieren oder Reiben geröteter, gefährdeter Stellen wird ausdrücklich nicht empfohlen, da es das ohnehin geschädigte Gewebe zusätzlich belasten kann. Sinnvoll sind stattdessen Druckentlastung, trockene Haut und schonende Bewegung.

Übernimmt die Pflegekasse eine Antidekubitusmatratze?

Druckverteilende Hilfsmittel wie eine Antidekubitusmatratze gelten als Pflege- bzw. Hilfsmittel und können bei medizinischer Notwendigkeit und vorliegendem Pflegegrad bezuschusst werden. Über den genauen Weg informieren Pflegekasse, Hausarzt und die Verbraucherzentrale.

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